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denken

Kulturschock

20.05.09 | von Sonja Wittig | Kommentieren?

Die Spätherbstsonne im Mai ist angenehm. Mir ist noch nicht ganz klar, was ich mehr vermisse…
Die bunten Herbstfarben, Schmuddelwetter und Kamingeruch in der Luft oder die Frühlingsgefühle, die der Mai mit sich bringt. 
Seit einem halben Jahr ist alles anders, alles verdreht. Von Freude, über Trauer, Enthusiasmus, Angst, Ruhe, Hektik, Freundschaft, Verliebtheit, bis hin zu Heimweh und Fernweh – mindestens einmal bin ich durch die gesamte Gefühlswelt gereist.

Von Deutschen abstammend bin ich vor fast dreissig Jahren in São Paulo, Brasilien geboren, um nach zehn Jahren aus der pulsierenden Metropole ins beschauliche Dorf in Deutschlands Westen zu ziehen. Achtzehn Jahre lang nannte ich die Bundesrepublik meine Heimat, als mich die Sehnsucht nach Familie, Sonne, Grossstadt und Neuanfang ergriff, ich meine Koffer packte und zurückkehrte – aus dem Land, in dem ich mich oft allein und verloren gefühlt hatte auf die andere Seite der Welt, in mein altes Zuhause, in dem ich glaubte, hinzugehören und endlich herausfinden zu können: In Deutschland war ich die Brasilianerin. Und in Brasilien?

Die Ungewissheit über meine neue Zukunft schaffte zunächst Raum für Freiheit. Als Erwachsene in die Stadt zurückzukehren, die ich bislang nur aus Kinderaugen gesehen hatte, weckte in mir Neugier, Lust mein Territorium zu erforschen und zu entdecken. Alles war aufregend, interessant, neu. 
Meine Lieben, die ich in Deutschland zurückgelassen hatte, ständig im Herzen, genoss ich nun die Vielfalt, die Abwechslung und das Tempo der City. Für Trauer war keine Zeit. Gestern habe ich mich in der australischen Bar mit Engländern und Kanadiern unterhalten, heute geniesse ich im japanischen Stadtviertel ein traditionelles Sushi-Essen, barfuss auf dem Boden, morgen schlürfe ich frischgepressten Zuckerrohrsaft an der Strassenecke, übermorgen stosse ich mit einem Erdinger Weissbier an, während im Hintergrund rhythmischer Samba läuft. Die ganze Welt in einer Stadt – was soll ich schon an Deutschland vermissen? Ich bin Brasilianerin, spreche die Sprache und lebe in São Paulo. Ich bin angekommen. Endlich.

Dachte ich.

Bis mir plötzlich die Luft ausging und ich verzweifelt versuchte, frischen Wind einzuatmen. Bis ich keine Ausdauer mehr hatte, dem Tempo der Grossstadt zu folgen, mich stattdessen in Gedanken und Erinnerungen zurücklehnte um die Grösse dieses Schrittes zu begreifen.

Wer bin ich hier? Wer bin ich überhaupt? Brasilianerin, die einfach nur die meiste Zeit ihres Lebens in Deutschland verbracht hat? Oder haben mich die letzten Jahre so geprägt, dass ich nun die Deutsche in der fernen Welt bin, die anders denkt, fühlt und handelt, als ihre brasilianischen Mitbürger?

Ich schaue mich um. 
Zuhause wird Deutsch gesprochen. Im Freundeskreis wird Deutsch gesprochen. 
Eine handvoll Menschen, die ich hier in der Ferne kennen und mögen gelernt habe, zähle ich nun zu meinen engsten Freunden. Hätten unsere Bekanntschaften in der europäischen Heimat auch das Potential, sich zu einer Freundschaft zu entwickeln, oder wären wir lediglich aneineinander vorbeigelaufen, weil wir nicht anders sind, als 82 Millionen weiterer Bundesbürger? 
Selbst wenn wir uns unter anderen Umständen niemals kennengelernt, es vielleicht noch nicht einmal gewollt hätten, haben wir nun doch soviel gemeinsam. Was uns hier in unserer neuen Heimat verbindet, ist genauso gross wie der Unterschied zwischen uns und den Einheimischen. Wir sprechen die selbe Sprache, verstehen uns, wenn es sein muss, auch ohne Worte. Geniessen die Vorteile des neuen, vermissen jene des alten Landes. Lachen über unseren gemeinsamen Humor, wundern uns manchmal über den, unserer neuen Mitmenschen. Identifizieren uns durch unsere Kultur, befremdeln Sitten und Bräuche der anderen. 
Deutsche Musik hört sich von hier aus irgendwie besser an. Früher habe ich bei Silbermond das Radio ausgeschaltet, heute packe ich meinen MP3 Player damit voll und geniesse es, lauthals mitzusingen.
Auf der Strasse entgeht mir kein Auto, das zufällig einen Aufkleber der BRD mit sich herumfährt, und die brasilianische Volkswagen-Werbung, in der sich zwei Deutsche mit starkem heimischen Akzent auf Portugiesisch unterhalten, bringt mich wehmütig zum Lachen. Ich vermisse Frischluft, Strassencafés, Altbauten, Vollkornbrot und freie Strassen und sobald ich Menschen im Vorbeigehen Deutsch sprechen höre, stellt sich augenblicklich ein Gefühl der Verbundenheit ein: ich bin eine von euch, anders als die anderen hier, so weit weg und manchmal auch noch ein bisschen verloren.

Ich denke nach. 
Lasse meine Reise mitsamt allen Gefühlen, die mich bis hierhin verfolgt haben, Revue passieren, während sich langsam eine Antwort auf die Frage meines Lebens erschliesst. 
In Deutschland war ich die Brasilianerin. Und in Brasilien?

Das Land, in dem ich erwachsen geworden bin, durch gute und schlechte Erfahrungen meine Persönlichkeit entwickelt, mich dennoch so oft fremd und verloren gefühlt, es manchmal sogar verflucht habe, ist meine Heimat. Ich musste ihr erst den Rücken kehren, um meine Identität zu finden. 
Nur aus der Ferne konnte ich die Einsicht bekommen, dass ich, geplagt vom Fernweh nach der Heimat, als Deutsche in Brasilien zu Hause bin.

Eine bittersüsse Erinnerung schiesst mir in den Kopf – Irgendeine banale Situation an irgendeinem Abend, die mich und meine beste Freundin aus irgendeinem Grund zum Lachanfall getrieben hat, irgendwann mal, vor vielen Monaten.

Der brasilianische Spätherbst kann ganz schön warm sein. 
Drückt mal bitte jemand auf “Stop – Rewind”?!

[kurze Erklärung vom Chef: Die Sonja ist eine Freundin von mir und, das muss ich wohl nicht erklären, gebürtige Brasilianerin. Letztes Jahr (glaube ich) hat sie sich dann dazu entschieden endgültig nach Brasilien zu ziehen. Sie weiss leider noch nicht, ob sie nun öfter für die Affenkoppzentrale schreiben wird, ich würde mich sehr drüber freuen.]

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